Einige Beispiele frühkindlicher Reflexe

Moro-Reflex

Erste primitive Schreckreaktion
Entstehung: 9.-12. Schwangerschaftswoche
Hemmung: 2.- 4. Lebensmonat
wird umgewandelt in eine Erwachsenenschreckreaktion
Auslöser des Moro-Reflexes:

  1. vestibulär durch drohenden Verlust des Gleichgewichts
  2. auditiv durch plötzliches Geräusch oder Veränderung der Lautstärke
  3. visuell durch plötzliche Seheindrücke, Hell-Dunkel-Wechsel usw.
  4. taktil durch plötzliche Berührung oder Schmerz
  5. andere plötzliche bzw. unerwartete Reize jeglicher Art

Die Auslösung dieses Reflexes zieht eine unmittelbare Erregung nach sich mit

  • dem Anstieg der Atemfrequenz und des Blutdrucks
  • der Beschleunigung des Herzschlags
  • einer Rötung der Haut und
  • evtl. Wutausbrüchen oder Weinkrämpfen
  • verbunden mit Ausschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin

Die mit der neurophysiologischen Entwicklungsverzögerung im Zusammenhang stehende Hypersensibilität kann außerdem:

  1. Zu einer übersteigerten Wahrnehmung führen, d.h. die Kinder sind leicht ablenkbar (sog. Stimulusabhängigkeit), sie nehmen       alles auf, können nicht filtern und Wichtiges vom Unwichtigen unterscheiden. Folge: Reizüberflutung,
      Erschöpfungszustände, Kopfschmerzen.
  2. Zu einem unreifen sozialen Verhalten – trotz guter kognitiver Fähigkeiten und großem Wissen. Typisch sind: Ängstlichkeit,
      Vermeidung von Neuem oder Unbekanntem, Aufstellung eigener Regeln und Nichtbeachtung der Regeln anderer,
      Entwicklung von Strategien, um sich zu schützen, starke emotionale Betroffenheit, die sich in Weinen, Wutausbrüchen,
      Kritikunfähigkeit, Rückzug, manipulativem oder dominantem Verhalten und geringem Selbstwertgefühlt ausdrückt.
  3. Zu starker Empathie gegenüber anderen Menschen oder Tieren, beschützendem Verhalten gegenüber
      jüngeren Kindern, auch Geschwistern, also zu Empfindsamkeit im positiven Sinn.
  4. Im Erwachsenenalter kann es zu Depressionen, Angst- und Zwangsneurosen oder Panikattacken und zu
      anderen stressbedingten Erkrankungen kommen (burn out)



Tonischer Labyrinth-Reflex (TLR)
TLR vorwärts:
Eine Beugung des Kopfes nach vorne löst eine Beugung des Körpers und aller Gelenke und ein Absinken des Muskeltonus aus (Erschlaffung)
Entstehung:
20. Schwangerschaftswoche
Hemmung:
3.-4. Lebensmonat
TLR rückwärts:
Eine Streckung des Kopfes löst die Beugung auf und leitet die Aufrichtung gegen die Schwerkraft ein.
Entstehung:
Geburt
Hemmung:
6. Lebenswoche - 3. Lebensjahr, bei gleichzeitiger Entwicklung der Halte- und Stellreaktionen



Der TLR spielt eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung der Gleichgewichts- und Raumwahrnehmung.

Im Zusammenhang mit Gleichgewichtsproblemen infolge nicht altersgerechter neurophysiologischer Ausreifung kann es zu folgenden Störungen kommen:

  1. Die Halte- und Stellreaktionen entwickeln sich nicht altersgerecht. Die daraus resultierende mangelnde
      Kopfkontrolle führt zur Beeinträchtigung der Augenmuskelfunktionen und damit auch in der
      Verarbeitung der visuellen Informationen, also in der Sehwahrnehmung.
  2. Ebenso ist die Hörwahrnehmung beeinträchtigt, da alle Gleichgewichts- und Hörinformationen über ein
      und denselben Nerv verlaufen (N.vestibuloocularis)
  3. Gleichgewichtsdefizite führen zu Problemen in der räumlichen und zeitlichen Orientierung und damit
      auch zum mangelnden mathematischen Verständnis
  4. Beeinträchtigungen in der motorischen Entwicklung, z.B. beim Krabbeln, das wichtig ist für erfolgreiche
      Koordinationsleistungen der Gehirnhemisphären.

Weitere mögliche Auffälligkeiten:

  • Rundrücken, schlechte Haltung infolge Hypotonie (schlaffer Muskeltonus) oder
  • Zehenspitzengang infolge Überstreckung (hoher Muskeltonus)
  • Abneigung gegen jegliche sportliche Aktivität oder im Gegensatz dazu Unruhe bis zu sog. „Hyperaktivität“
  • Mangelndes Zeit- und Raumgefühl, dadurch Verständnisprobleme in Mathematik
  • Koordinationsstörungen (grob- und feinmotorisch)
  • Unstrukturiertes (chaotisches) Verhalten, geringe Organisationsfähigkeit

Asymmetrischer Tonischer Nackenreflex (ATNR)
Eine Kopfdrehung zur Seite löst eine Streckung von Arm und Bein auf der Gesichtsseite und Beugung auf der anderen Seite. Die gestreckte Seite steht unter hoher Muskelspannung, auf der gebeugten Seite ist der Muskeltonus schlaff.
Der ATNR stellt den Beginn der Hand-Auge-Koordination dar und damit eine fundamentale Voraussetzung für das Erlernen der Kulturtechniken - Lesen, Rechnen und Schreiben.

In diesem Zusammenhang können sich neurophysiologische Entwicklungsdefizite auch in folgender Koordinationsproblematik zeigen:

  1. Einschränkung der Re-Li-Koordination, d.h. Probleme beim Überschreiten der Körpermittellinie mit Auswirkungen auf die
      Grob- und Feinmotorik, sichtbar z.B. beim Malen und Schreiben
  2. Dies gilt auch für die Augenmotorik, es kann zu Augensprüngen an der Mittellinie kommen und damit auch zu Lese- und
      Rechtschreibproblemen. Auch (latentes) Schielen ist eine Koordinationsstörung
  3. Die Seitigkeitsentwicklung (Lateralisation) wird nicht abgeschlossen, gemischte Dominanz ist die Folge, dadurch
      Beeinträchtigung der Auge-Hand-Koordination möglich